Getting closer – zur Ästhetik des Films mit kleinem Sensor

Ich mag meinen Camcorder. Vor 10 Jahren wäre eine solche XF100Aussage nicht der Rede wert gewesen, aber heutzutage werden ja der größte Teil aller Videos mit DSLR oder Systemkameras mit APS-C- oder Vollformatsensor produziert. Geringe Schärfentiefe gilt vielen als Kennzeichen eines guten Films. Das was heute unter „Filmlook“ verstanden wird, beruht häufig auf dem Gegensatz von Schärfe zu Unschärfe, wie es immer wieder gezeigt wird.

Filmen mit kleinem Sensor ist anders. Und es freut mich, dass die großen Kamerahersteller wieder den Vorteil eines Henkelmanns entdeckt haben. Sony hat als Proficamcorder den Z 190 mit 1/3-Zoll-Sensor, Panasonic brachte jüngst die Reihe HC-X 1500, HC-X 2000 und AG-CX 10 mit einem 1/2,5-Zoll-Sensor heraus. Ich filme meist mit meiner nun schon älteren Canon XF 100 mit dem 1/3-Zoll-Sensor.

Um damit gute Aufnahmen zu erzielen, muss man allerdings die besonderen Eigenschaften eines kleinen Sensors kennen und richtig nutzen. Dann sind auch damit ästhetische Aufnahmen gut möglich. Der folgende Film wurde mit einer Canon XF 100 mit 1/3-Zoll-Sensor und einer APS-C-Kamera aufgenommen:

Was stammt nun aus welcher Kamera? Haben Sie es erkannt?

Mit der APS-C-Kamera wurden nur die Aufnahmen im Inneren der Fräsmaschine gefilmt, alle anderen Einstellungen machte ich mit der XF 100. Wir sehen, dass auch mit diesem Camcorder Shots mit geringer Schärfentiefe möglich sind, wenn man gewisse Regeln beachtet. Deshalb nun ein wenig Theorie.

Je kleiner das Aufnahmemedium umso größer wird die Schärfentiefe eines Objektivs. Eine Kamera mit 1/4‘‘-Sensor wie die Panasonic HC-X 929 hat z.B. eine Brennweite von 2,84 bis 34,1 mm. Das entspricht bei einem 35mm-Kleinbildfilm einem Äquvalent von 29,8 – 399,2 mm. Während aber ein Standardobjektiv von 50mm an der Canon 5 D bei einer Entfernung von 2 m zum Objekt und einer gewählten Blende 2,8 gerade mal einen scharfen Bereich von  1,89 – 2,12 m hat, würde das Äqivalent am Camcorder bei ansonsten gleichen Bedingungen von 0,30 – ∞ scharf zeichnen. Eine ziemlich langweilige Aufnahme auf der viel zu viele Einzelheiten deutlich sichtbar sind, wäre die Folge. Was also tun, um auch mit kleinem Sensor interessant zu filmen?

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1/4-Zoll (Panasonic X 909)

Lernen wir von den Kameraleuten, die Meisterwerke wie „Black Swan“ oder „Carol“ auf dem kleinen Filmformat von 16mm gedreht haben. Dieses Filmformat entspricht in etwa dem 1‘‘-Sensor, wie er etwa in der Digital Bolex D 16 oder der Blackmagic Design Pocket Cinema Camera verwendet wird, aber nun auch Eingang in populäre Camcorder wie dem Sony HDR-CX 900 fand.

Schauen wir uns diese Filme mit Blick auf die Kameraführung an, so fällt auf, dass die

1/4-Zoll (Panasonic X 909)
1/4-Zoll (Panasonic X 909)

allermeisten Einstellungen Details zeigen. Kaum einmal ist etwas von der klassischen Abfolge des „Establishing Shots“ zur Halbtotalen zu sehen. Die Kamera ist fast immer nah an den Darstellern – und dadurch gewinnt der Film seine besondere Ästhetik. Der Film entwickelt seine Handlung wie mit der Lupe und reiht Nahaufnahme an Nahaufnahme. Bei den Einstellungen zeigt sich nun auch hier der Kontrast von Schärfe zu Unschärfe wie bei den „großen“ Formaten – aber immer gepaart mit dem Blick aufs Detail.

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1/4-Zoll (Panasonic X 909)

Wie kommt das? Es hängt zusammen mit den Gesetzen der Optik. Die Schärfentiefe eines Objektivs ist nur von der Brennweite und der eingestellten Blende abhängig. Ein 50mm-Objektiv, oft auch Normalobjektiv genannt, heißt so, weil es bei Verwendung an einer analogen Kamera mit 35mm-Kleinbildfilm oder an einer Vollformatkamera wie der Canon 5D ziemlich genau den Blickwinkel zeigt, den ein erwachsener Mensch hat, wenn er konzentriert und fokussiert auf ein Objekt schaut. Das ist ungefähr ein Blickwinkel von 35 Grad. Bei einer bestimmten Blende ergibt sich so auch eine definierte Schärfentiefe. Hier einige Beispiele für ein 50mm-Objektiv (Quelle: Film &TV Kameramann (Hrsg.): Jahrbuch Kamera 2016, S.551-562:

50-mm-Objektv

Entfernung f 2,8 f 4 f 5,6 f 8
1m 0,97-1,03 0,96-1,04 0,95-1,06 0,93-1,09-
2m 1,89-2,12 1,85-2,17 1,80-2,25 1,72-2,38
5m 4,39-5,81 4,17-6,25 3,91-6,94 3,57-8,33

Verwenden wir nun eine Kamera mit einem sehr kleinen Sensor wie die Panasonic HC-X 929 müssen wir für den gleichen Blickwinkel von 35 Grad die Linse auf eine Brennweite von 5mm einstellen. Dadurch verändern sich die Werte der Schärfentiefe sehr drastisch:

5mm-Objektv

Entfernung f 2,8 f 4 f 5,6 f 8
1m 0,26-∞ 0,20-∞ 0,15-∞ 0,11-∞
2m 0,30-∞ 0,22-∞ 0,16-∞ 0,12-∞
5m 0,33-∞ 0,24-∞ 0,17-∞ 0,12-∞

Was also tun, wenn man eine Kamera mit einem kleinen Sensor zwischen einem ¼‘‘ wie die schon erwähnte Panasonic, einem 1/3‘‘ wie z.B. die Canon XF 100 oder auch eine 1‘‘-Kamera wie die Sony HDR-CX 900 oder die RX10 besitzt? Getting Closer! Ran ans Motiv und eine möglichst lange Brennweite wählen. Wenn man eine ähnliche Schärfentiefe erreichen will, wie mit dem 50mm-Objektiv, muss man an der kleinformatigen Kamera

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APS-C Sensor (Sony NEX-VG10 mit SEL 18-200mm bei f=6,3, Gain 21 )

bis weit in den Telebereich, etwa eine Brennweite von rund 35mm wählen. Das entspricht umgerechnet auf Vollbild einem Teleobjektiv von ca. 300mm Dann verengt sich allerdings der Blickwinkel auf einen ganz schmalen Ausschnitt von etwa 5 Grad. Das bedeutet, dass man nur noch einen sehr schmalen Ausschnitt sieht. Den nimmt man allerdings mit einer ähnlich geringen Schärfentiefe wahr wie bei einer 50-mm-Linse beim Vollformat. Es ergibt sich eine vollkommen andere Wahrnehmungsart je nach

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APS-C- Sensor (Sony NEX-VG10 mit SEL 18-200mm bei f=6,3, Gain 21)

verwendeter Kamera. Bei großformatigen Geräten kann man Aufnahmen mit geringer Schärfentiefe machen und ein relativ weites Umfeld in Unschärfe verschwinden lassen während bei den Camcordern mit kleinen Sensoren Bilder mit Unschärfezonen nur möglich sind, wenn man ins Detail geht. Eine ganz andere Bildauffassung ist die Folge, wenn man diese Erkenntnisse bewusst anwendet.

Mit etwas Übung merkt man , dass sich eine Ästhetik wie in den früheren 16mm-Filmen entwickelt. Man bleibt sehr nah an den Protagonisten und folgt der Story mit einem Blick auf die Einzelheiten.

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APS-C-Sensor (Sony NEX-VG10 mit SEL 50mm bei f=1,8)

Allerdings muss man manchmal ja doch auch Übersichten zeigen. Dann heißt die Devise beim kleinen Sensor noch mehr wie bei den großen: klarer Bildaufbau mit wenig Elementen.

Langer Rede kurzer Sinn: Jede Art von Kamera fordert einen bestimmten Aufnahmestil oder anders gesagt: Mache dich mit den besonderen Möglichkeiten deines Werkzeugs vertraut. Will man mit einer Canon 5D den 16mm-Look des Films „Black Swan“ imitieren, wird man ebenso scheitern, wie beim Versuch mit einer XF100 Übersichtsaufnahmen mit großen Unschärfezonen zu filmen.  Nur wenn man die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten seines Werkzeugs kennt und bewusst kreativ verwendet, wird die Kamera zum Freund.

Schärfentiefenvergleich

Mit drei unterschiedlichen Camcordern: APS-Sensor der Sony NEX-VG10, der Panasonic HC-X909 mit 1/4-Zoll-Sensor,und der Canon XF100 mit einem 1/3-Zoll-Sensor und zum Vergleich ein 1-Zoll-Sensor in der Sony CX900 jeweils in der max. Telestellung mit Offenblende.

Kamera APS: 200mm

Ents. 35mm:

320mm

f=8

1/4′: 35mm

Ents. 35mm:

350mm

f=2,8

1/3′: 50mm

Ents. 35mm:

300mm

f=2,8

1′ :100mm

Ents. 35mm:

350mm

f=5,6

1m 1,00-1,01 0,95-1,06 0,97-1,03 0,99-1,01
2m 1,98-2,02 1,79-2,26 1,89-2,12 1,95-2,06
5m 4,88-5,13 3,89-7,00 4,39-5,81 4,67-5,38

Interessant ist der Vergleich bei 2m Entfernung. Das entspricht häufig einer Nahaufnahme des Gesichts. Hier zeigen sich folgende Schärfentiefenbereiche:

Kamera APS: 200mm

Ents. 35mm:

320mm

f=8

1/4′: 35mm

Ents. 35mm:

350mm

f=2,8

1/3′: 50mm

Ents. 35mm:

300mm

f=2,8

1′ :100mm

Ents. 35mm:

350mm

f=5,6

2m 4 cm 47 cm 23 cm 11 cm
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APS-C-Sensor (Sony NEX-VG10 mit SEL 18-200mm bei f=6,3, Gain 21)

Beachten muss man den erheblichen Unterschied in der Lichtstärke. Die NEX-VG10 verlangt unter Low-Light-Bedingungen sehr rasch nach einem relativ hohen Gain; hier haben die beiden Kameras mit kleinem Sensor erheblich größere Reserven. Subjektiv scheinen im Vergleich die Aufnahmen mit der Panasonic bei schwachem Licht klarer und rauschärmer.

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1/4-Zoll (Panasonic X 909)

Bei Drehs im Reportagestil – wie ich es vorziehe – bleibt meist wenig Zeit, um das Setting mit Lichtsetzung zu planen. In diesen Fällen schätze ich die All-in-one-Lösung des Camcorders sehr. Dies gilt um so mehr, als diese Kameras in aller Regel eine hohe Lichtstärke von f 1,6 – 1,8 bei Offenblende haben. Damit gelingen auch bei wenig Licht stimmungsvolle Available-Light-Aufnahmen.

Und Camcorder bieten mehr als eine DSMR oder DSLR, beispielsweise eine bessere Handhabung. Ein Camcorder ist ergonomisch an die Hand angepasst, extra angebrachte Trageschlaufen sichern den Halt. Ein großer Vorteil ergibt sich durch die  manuelle Anpassung von Belichtung, Farben oder Schärfe. Dadurch entstehen in der Regel wesentlich bessere Aufnahmen als mit Automatik. Das größte Problem beim Aufnehmen von Videos ist oft der Ton. Gute Camcorder bieten die Möglichkeit, ein oder mehrere externe Mikrofone anzuschließen. So kann man die Tonqualität der Aufnahmen enorm verbessern. Alles in allem ist für mich – insbesondere bei Run & Gun-Shots der Camcorder oft die bessere Wahl.

 

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