Getting closer – zur Ästhetik des Films mit kleinem Sensor

Das was heute unter „Filmlook“ verstanden wird, beruht häufig auf Aufnahmen mit großem Aufnahmeformaten: 35mm-Film, Vollformatkameras etc.. Diese Art Film beruht auf dem Gegensatz von Schärfe zu Unschärfe, wie es immer wieder gezeigt wird.

Filmen mit kleinem Sensor ist anders.

https://vimeo.com/256233482

Je kleiner das Aufnahmemedium umso größer wird die Schärfentiefe eines Objektivs. Eine Kamera mit 1/4‘‘-Sensor wie die Panasonic HC-X 929 hat z.B. eine Brennweite von 2,84 bis 34,1 mm. Das entspricht bei einem 35mm-Kleinbildfilm einem Äquvalent von 29,8 – 399,2 mm. Während aber ein Standardobjektiv von 50mm an der Canon 5 D bei einer Entfernung von 2 m zum Objekt und einer gewählten Blende 2,8 gerade mal einen scharfen Bereich von  1,89 – 2,12 m hat, würde das Äqivalent am Camcorder bei ansonsten gleichen Bedingungen von 0,30 – ∞ scharf zeichnen. Eine ziemlich langweilige Aufnahme auf der viel zu viele Einzelheiten deutlich sichtbar sind, wäre die Folge. Was also tun, um auch mit kleinem Sensor interessant zu filmen?

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1/4-Zoll (Panasonic X 909)

Lernen wir von den Kameraleuten, die Meisterwerke wie „Black Swan“ oder „Carol“ auf dem kleinen Filmformat von 16mm gedreht haben. Dieses Filmformat entspricht in etwa dem 1‘‘-Sensor, wie er etwa in der Digital Bolex D 16 oder der Blackmagic Design Pocket Cinema Camera verwendet wird, aber nun auch Eingang in populäre Camcorder wie dem Sony HDR-CX 900 fand.

Schauen wir uns diese Filme mit Blick auf die Kameraführung an, so fällt auf, dass die

1/4-Zoll (Panasonic X 909)
1/4-Zoll (Panasonic X 909)

allermeisten Einstellungen Details zeigen. Kaum einmal ist etwas von der klassischen Abfolge des „Establishing Shots“ zur Halbtotalen zu sehen. Die Kamera ist fast immer nah an den Darstellern – und dadurch gewinnt der Film seine besondere Ästhetik. Der Film entwickelt seine Handlung wie mit der Lupe und reiht Nahaufnahme an Nahaufnahme. Bei den Einstellungen zeigt sich nun auch hier der Kontrast von Schärfe zu Unschärfe wie bei den „großen“ Formaten – aber immer gepaart mit dem Blick aufs Detail.

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1/4-Zoll (Panasonic X 909)

Wie kommt das? Es hängt zusammen mit den Gesetzen der Optik. Die Schärfentiefe eines Objektivs ist nur von der Brennweite und der eingestellten Blende abhängig. Ein 50mm-Objektiv, oft auch Normalobjektiv genannt, heißt so, weil es bei Verwendung an einer analogen Kamera mit 35mm-Kleinbildfilm oder an einer Vollformatkamera wie der Canon 5D ziemlich genau den Blickwinkel zeigt, den ein erwachsener Mensch hat, wenn er konzentriert und fokussiert auf ein Objekt schaut. Das ist ungefähr ein Blickwinkel von 35 Grad. Bei einer bestimmten Blende ergibt sich so auch eine definierte Schärfentiefe. Hier einige Beispiele für ein 50mm-Objektiv (Quelle: Film &TV Kameramann (Hrsg.): Jahrbuch Kamera 2016, S.551-562:

50-mm-Objektv

Entfernung f 2,8 f 4 f 5,6 f 8
1m 0,97-1,03 0,96-1,04 0,95-1,06 0,93-1,09-
2m 1,89-2,12 1,85-2,17 1,80-2,25 1,72-2,38
5m 4,39-5,81 4,17-6,25 3,91-6,94 3,57-8,33

Verwenden wir nun eine Kamera mit einem sehr kleinen Sensor wie die Panasonic HC-X 929 müssen wir für den gleichen Blickwinkel von 35 Grad die Linse auf eine Brennweite von 5mm einstellen. Dadurch verändern sich die Werte der Schärfentiefe sehr drastisch:

5mm-Objektv

Entfernung f 2,8 f 4 f 5,6 f 8
1m 0,26-∞ 0,20-∞ 0,15-∞ 0,11-∞
2m 0,30-∞ 0,22-∞ 0,16-∞ 0,12-∞
5m 0,33-∞ 0,24-∞ 0,17-∞ 0,12-∞

Was also tun, wenn man eine Kamera mit einem kleinen Sensor zwischen einem ¼‘‘ wie die schon erwähnte Panasonic, einem 1/3‘‘ wie z.B. die Canon XF 100 oder auch eine 1‘‘-Kamera wie die Sony HDR-CX 900 oder die RX10 besitzt? Getting Closer! Ran ans Motiv und eine möglichst lange Brennweite wählen. Wenn man eine ähnliche Schärfentiefe erreichen will, wie mit dem 50mm-Objektiv, muss man an der kleinformatigen Kamera

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APS-C Sensor (Sony NEX-VG10 mit SEL 18-200mm bei f=6,3, Gain 21 )

bis weit in den Telebereich, etwa eine Brennweite von rund 35mm wählen. Das entspricht umgerechnet auf Vollbild einem Teleobjektiv von ca. 300mm Dann verengt sich allerdings der Blickwinkel auf einen ganz schmalen Ausschnitt von etwa 5 Grad. Das bedeutet, dass man nur noch einen sehr schmalen Ausschnitt sieht. Den nimmt man allerdings mit einer ähnlich geringen Schärfentiefe wahr wie bei einer 50-mm-Linse beim Vollformat. Es ergibt sich eine vollkommen andere Wahrnehmungsart je nach

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APS-C- Sensor (Sony NEX-VG10 mit SEL 18-200mm bei f=6,3, Gain 21)

verwendeter Kamera. Bei großformatigen Geräten kann man Aufnahmen mit geringer Schärfentiefe machen und ein relativ weites Umfeld in Unschärfe verschwinden lassen während bei den Camcordern mit kleinen Sensoren Bilder mit Unschärfezonen nur möglich sind, wenn man ins Detail geht. Eine ganz andere Bildauffassung ist die Folge, wenn man diese Erkenntnisse bewusst anwendet.

Mit etwas Übung merkt man , dass sich eine Ästhetik wie in den früheren 16mm-Filmen entwickelt. Man bleibt sehr nah an den Protagonisten und folgt der Story mit einem Blick auf die Einzelheiten.

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APS-C-Sensor (Sony NEX-VG10 mit SEL 50mm bei f=1,8)

Allerdings muss man manchmal ja doch auch Übersichten zeigen. Dann heißt die Devise beim kleinen Sensor noch mehr wie bei den großen: klarer Bildaufbau mit wenig Elementen.

Langer Rede kurzer Sinn: Jede Art von Kamera fordert einen bestimmten Aufnahmestil oder anders gesagt: Mache dich mit den besonderen Möglichkeiten deines Werkzeugs vertraut. Will man mit einer Canon 5D den 16mm-Look des Films „Black Swan“ imitieren, wird man ebenso scheitern, wie beim Versuch mit einer XF100 Übersichtsaufnahmen mit großen Unschärfezonen zu filmen.  Nur wenn man die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten seines Werkzeugs kennt und bewusst kreativ verwendet, wird die Kamera zum Freund.

Schärfentiefenvergleich

Mit drei unterschiedlichen Camcordern: APS-Sensor der Sony NEX-VG10, der Panasonic HC-X909 mit 1/4-Zoll-Sensor,und der Canon XF100 mit einem 1/3-Zoll-Sensor und zum Vergleich ein 1-Zoll-Sensor in der Sony CX900 jeweils in der max. Telestellung mit Offenblende.

Kamera APS: 200mm

Ents. 35mm:

320mm

f=8

1/4′: 35mm

Ents. 35mm:

350mm

f=2,8

1/3′: 50mm

Ents. 35mm:

300mm

f=2,8

1′ :100mm

Ents. 35mm:

350mm

f=5,6

1m 1,00-1,01 0,95-1,06 0,97-1,03 0,99-1,01
2m 1,98-2,02 1,79-2,26 1,89-2,12 1,95-2,06
5m 4,88-5,13 3,89-7,00 4,39-5,81 4,67-5,38

Interessant ist der Vergleich bei 2m Entfernung. Das entspricht häufig einer Nahaufnahme des Gesichts. Hier zeigen sich folgende Schärfentiefenbereiche:

Kamera APS: 200mm

Ents. 35mm:

320mm

f=8

1/4′: 35mm

Ents. 35mm:

350mm

f=2,8

1/3′: 50mm

Ents. 35mm:

300mm

f=2,8

1′ :100mm

Ents. 35mm:

350mm

f=5,6

2m 4 cm 47 cm 23 cm 11 cm
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APS-C-Sensor (Sony NEX-VG10 mit SEL 18-200mm bei f=6,3, Gain 21)

Beachten muss man den erheblichen Unterschied in der Lichtstärke. Die NEX-VG10 verlangt unter Low-Light-Bedingungen sehr rasch nach einem relativ hohen Gain; hier haben die beiden Kameras mit kleinem Sensor erheblich größere Reserven. Subjektiv scheinen im Vergleich die Aufnahmen mit der Panasonic bei schwachem Licht klarer und rauschärmer.

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1/4-Zoll (Panasonic X 909)

 

Autumn Garden – ein Vergleich von Systemkamera und Camcorder

Ein kleines Experiment mit einigen sehr verschiedenen Kameras: Sony NEX 7 mit 1,8 / 35 mm, Panasonic HC-X 909 und Canon XF 100. Mit FCP bearbeitet. Musik: „Flowers of Fall“ von Dee Yan Key (freemusicarchive.org)

Kann man auch mit Camcordern mit sehr kleinen Sensoren Aufnahmen mit geringer Schärfentiefe erzielen? Der X 909 hat lediglich einen 1/4-Zoll- Sensor, der des XF 100 ist mit 1/3 Zoll nicht viel größer – und doch gelingen Aufnahmen im so beliebten Filmlook. Die Anfangssequenzen des kleinen Films wurden beispielsweise mit dem Panasonic aufgenommen und zeigen in meiner Sichtweise ein recht ansprechendes Ergebnis, oder nicht? Der Trick dabei: Die Blende soweit wie möglich öffnen und das Objektiv auf die längste Brennweite einstellen. Dabei ist ein Stativ in aller Regel notwendig, um Verwackelungen vorzubeugen. Hier habe ich noch meinen kleinen selbstgebauten Slider eingesetzt. Ebenso ging ich bei den Sequenzen mit dem XF 100 vor; allerdings verwendete ich dabei auch noch die eingebaute Zeitlupe. Dies geht bei diesem Camcorder leider nur bei einer kleineren Bildgröße von 1280×720, die ich dann in Final Cut Pro bei der Ausgabe auf die volle HD-Auflösung von 1920 x 1080 hochskaliert habe. Obwohl ich anfänglich skeptisch war, überzeugte mich das Ergebnis. Auf jeden Fall ist der Ablauf der Szene weicher als wenn ich sie mit der Retimingfunktion von FCP nachträglich auf 50% verlangsame.

Der Hauptteil der Aufnahmen wurde mit der NEX 7 mit dem 1,8/35 mm-Objektiv aufgenommen. Trotz APS-C-Sensors der Kamera hatte ich die Blende fast ganz geöffnet und so gelingen Einstellungen mit einem sehr schönen Bokeh. Hier die Auflösung, welche Szene mit welcher Kamera aufgenommen wurde:

Bild 1 – 4: Canon XF 100

Bild 5 – 6: Panasonic HC-X 909

Bild 7-12: Sony NEX 7 mit 1.8/35 mm

Die Common-License-Musik „Flowers of Fall“ stammt von Dee Yan Key und ist von freemusicarchive.org

Viel Spaß beim Anschauen!

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Just a little experiment with some very different Cameras: Sony NEX 7 with 1.8/35 mm, Panasonic HC-X 909 and Canon XF 100. Edited with FCP

Is it possible to take pictures with a shallow depth of field even with camcorders with very small sensors? The X909 has only a 1/4 inch sensor, the sensor of the XF 100 is with 1/3 inch not much larger – and I’ve yet succeed recordings in the so popular movie look. The initial sequences of the small film were recorded, for example, with the Panasonic and show in my view a pretty appealing result, is’nt it? The trick: open the aperture as far as possible and set the lens to the longest focal length. A tripod is usually necessary to prevent shake. Here I have also used my little self-built slider. Likewise, I went with the sequences with the XF 100; however, I also used the built-in slow motion. Unfortunately, this is only possible with a smaller image size of 1280 × 720, which I then upscaled in Final Cut Pro at the output to the full HD resolution of 1920 x 1080. Although I was initially skeptical, the result convinced me. In any case, the process of the scene is more fluid than if I slow it down to 50% with the retiming function of FCP.
The main part of the recordings were taken with the NEX 7 with the 1.8 / 35 mm lens. Despite of the APS-C Sensor I had the aperture almost completely open and succeed so settings with a very nice bokeh. Which part of the video was taken with what camera? Please look to the photos above with scenes of the film:  Picture 1-4: Panasonic, picture 5+6 Canon, picture 7-12 Sony.

The common-license music „Flowers of Fall“ is by Dee Yan Key @ http://freemusicarchive.org