Der Bildungsplan 2016 – Versuch einer bildungstheoretischen Einordnung


von Walter Korinek

Praktische Intelligenz und Intellektualismus

Der baden-württembergische Bildungsplan 2016 wird – wie alle politischen Veränderungen – als Fortschritt gegenüber bisherigen Leitlinien bildungspolitischer Ausrichtung der Schule dargestellt. Betrachtet man ihn allerdings unter dem Aspekt, welcher Grundgedanke hinter den über 1600 Seiten steht, kann man nur feststellen, dass er einen Rückschritt weit hinter alle bisherigen Bildungsideen darstellt.

Die Werkrealschule wie sie in Baden-Württemberg 1994 und in einer reformierten Fassung 2010 eingeführt wurde, ging konsequent von der Gleichwertigkeit akademischer und Schulbilder-web-10beruflicher Bildung aus. Dementsprechend wurde für diese neue Schulart der Name „Werk-Realschule“ gewählt, um den Status als die andere, aber gleichwertige Realschule deutlich zu machen. Diese Profilierung setzte erstmal in der neueren Geschichte des Bildungswesens in Deutschland einen Markstein. Der Bildungsplan dieser Schule ging nicht davon aus, dass die gymnasiale Bildung die hierarchische Spitze des Lernens darstellt und alle anderen Schulen Abstriche davon machen. Grundgedanke der Werkrealschule – und nebenbei bemerkt, des gesamten beruflichen Bildungswesens – war die Gleichwertigkeit der Vorbereitung auf die Universität und der nicht-akademischen Ausbildung im Beruf. Dementsprechend wurde die Mittlere Reife als Option mit veränderten, aber deutlich berufsvorbereitenden Inhalten und Lernprozessen die Leitidee der Werkrealschule.

Schulbilder-web-8Betrachtet man nun den Bildungsplan 2016, der vordergründig sehr egalitär daherkommt, da er ja für alle Schularten gleich zu sein scheint, zeigt sich, dass er in den unterschiedlichen Niveaustufen wieder von der akademisch-gymnasialen Bildung als Leitidee ausgeht. Das sogenannte E-Niveau bildet den Königsweg schulischen Lernens ab, das M-Niveau und zuunterst das G-Niveau ist als Abstrich von dieser Stufe konzipiert. Damit ist die Idee der Gleichwertigkeit akademischer und beruflicher Bildung negiert worden. Kognitive Leistungsfähigkeit wurde zum alleinigen Maßstab für diese hierarchische Stufung.

Sieht man dann, dass die Werkrealschule gezwungen ist, ausschließlich auf diesem untersten Niveau zu unterrichten, muss man davon ausgehen, dass der Gedanke der berufsvorbereitenden Bildung zu den Akten gelegt wurde. Mehr noch: Durch diese hierarchische Gliederung wird die Tendenz zur Akademisierung der Gesellschaft gestützt, der Handwerker und die praktisch ausgerichteten Berufe wieder in die unteren Ränge der Anerkennung verwiesen. Und das alles vor dem Hintergrund einer Akademikerschwemme und einem Mangel an beruflichem Expertenwissen.

Es ist zu fragen, ob diese angebliche Innovation nicht letztlich eine Rückwendung in die Ideenwelt der elfenbeinschimmernden Bildungsideale früherer Jahrhunderte darstellt.

 

Ein kurzer Abriss der Geschichte schulischer Bildung

Seit neben den Lateinschulen des Mittelalters – einhergehend mit der Reformation – die Volksschulen entstanden, gibt es eine Hierarchie des Schulwesens. Diese stimmte im vorindustriellen Zeitalter mit der gesamtgesellschaftlichen Struktur überein. Das immer selbstbewusster werdende Bürgertum schuf dann in der Neuzeit und später mit der Industrialisierung das Gymnasium und die Realschule als neue Bildungseinrichtungen, die den gesellschaftlichen Bedürfnissen besser entsprachen, als die antiquierte Lateinschulen oder die minimalistischen Schule-Volksschulen. Ein gegliedertes Schulwesen entstand.

Kennzeichen dieser Emanzipation der Bildung war, dass die Schularten nicht hierarchisch gedacht waren, sondern auf verschiedene und unterschiedliche beruflich/soziale Rollen vorbereiten sollten. Besonders gut gelang dies den im ausgehenden 19. Jahrhundert geschaffenen Real-Gymnasien, aus denen die naturwissenschaftlichen Züge des modernen Gymnasiums hervorgingen. Aber auch die Mittelschule, die an den tatsächlich existierenden beruflichen Problemen ausgerichtete Realschule genoss bis in die jüngste Vergangenheit einen guten Ruf. Die Volksschule, seit Ende der 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts in die Hauptschule umbenannt, war als Vorbereitungsstätte für gewerblich-handwerkliche Berufe ebenfalls anerkannt.

Erst seit im Gefolge der 68er-Bewegung die gesellschaftliche Stimmung durch eine – mehr oder weniger – tiefgreifende Theoretisierung und Intellektualisierung geprägt wurde (Anspruch und Wirklichkeit klafften auch damals schon sehr auseinander), geriet die Hauptschule immer mehr ins Abseits. Interessant ist, dass die Hierarchisierung der Schularten damit einhergehend, immer mehr zunahm. „Schick‘ dein Kind auf bessere Schulen!“ – dieser Slogan von Georg Picht aus dem Jahr 1964  mag als Indiz dafür gelten. Parallel zum Schulwesen geriet allerdings auch die berufliche Bildung immer mehr in einen Abwärtstrend. Eine Hochschule zu absolvieren galt und gilt seit dieser Zeit als Ziel der überwiegenden Mehrzahl von Bildungslaufbahnen. Didaktische Lehrsätze, nach denen jedes Kind bei entsprechender Förderung alles lernen könnte, unterstützten diese Tendenz.

So ist es nicht verwunderlich, dass die Hauptschulen jedes Jahr etwa ein Prozent an Akzeptanz einbüßten. Alle Rettungsversuche für diese Schulart halfen nichts. Und so kam es zur absurden Situation, dass gerade in dieser Schulart wichtige pädagogische Innovationen wie projektorientierte Verfahren, persönlichkeitsorientierte Lernverfahren eingeführt, erprobt und installiert wurden, die später in den anderen Schulen übernommen wurden – gleichzeitig aber wurde diese Schule in immer stärkeren Maß als unterste Hierarchieebene der Bildungslandschaft von Eltern, der Presse und dem gesellschaftlichen Umfeld wahrgenommen.

Nun, mit der Einführung des neuen Bildungsplans 2016, werden für alle Schularten einheitliche inhaltliche Ziele vorgegeben. Entscheidend ist allerdings, dass die „Operatoren“ genannten Niveaudifferenzierungen entscheidende hierarchischen Unterscheidungen vornehmen. Sie weisen dem obersten E-Niveau eine Spitzenstellung zu, alle anderen Stufen sind defizitäre, mit Abstrichen versehene Spiegelungen dieser Ebene. Gleichzeitig wird festgelegt, auf welcher Ebene in den – noch – vorhandenen Schularten unterrichtet werden darf: Das Gymnasium ist durch das E-Niveau definiert und die Werkrealschule am anderen Ende durch das G-Niveau. Die Realschule unterrichtet auf dem M-Niveau, für Schüler die dies kognitiv nicht schaffen, auch auf dem G-Niveau. Die Gemeinschaftsschule darf auf allen Niveaustufen lehren.

Damit wird oft die Spitzenstellung dieser Schulart behauptet, die am besten der normativen Setzung des Ideals der Individualisierung entspricht; nicht geklärt ist allerdings die entscheidende Frage, wie viele Schüler dort im Durchschnitt eine Bildungsstufe erreichen werden, die über das G-Niveau hinausreicht. Und von der Beantwortung dieser Frage wird es abhängen, ob diese Schulart überlebensfähig ist oder nicht.

Aber, um es noch einmal deutlich zu sagen: Der Kernpunkt an dieser bildungspolitischen Neuerung ist, dass akademisch-intellektuelle Leistungsfähigkeit der Maßstab für die hierarchische Einteilung der Schülerbildung auf drei unterschiedlichen Niveaustufen wurde. Praktische und emotionale Intelligenz sind aus dem Rennen und für den Schulerfolg bedeutungslos geworden. Der gesellschaftliche Bedarf, aber auch wissenschaftliche Forschungsergebnisse der letzten Jahre dagegen weisen in die entgegengesetzte Richtung.

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Versuch einer bildungstheoretischen Einordnung

Die Hauptschule und in noch stärkerer Konsequenz die Werkrealschule waren bildungstheoretisch verankert. Ausgangspunkt war der Gedanke der Arbeiterbildung im 19. Jahrhundert. Unterprivilegierte Schichten sollten durch verstärkte Bildung eine verstärkte Teilhabe an der ökonomischen und sozialen Weiterentwicklung der Gesellschaft haben. Ein urdemokratischer und humanistischer Impuls stand hinter dieser Schulidee. Später, in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstand im reformpädagogischen Umfeld die Idee der Arbeitsschulbewegung. Georg Kerschensteiner prägte über lange Jahre vor allem die Entwicklung der deutschen Volksschule, später die der Hauptschule und der sich daraus entwickelnden Werkrealschule. Der Gedanke der Gleichwertigkeit praktischer und theoretischer Intelligenz war das Prinzip, das alle diese Entwicklungsschritte pädagogischer Arbeit leitete.

Nun stellt sich die Frage, welche Bildungstheorie hinter dem Bildungsplan 2016 steht. Trotz aller intellektualistischer Anmutung des Vokabulars in dem Opus, das in seiner Ausführlichkeit und dem reinen Seitenumfang den Leser ja fast erschlägt, stelle ich keine bildungstheoretische Verankerung mehr fest.

So drängt sich die Frage auf, ob der Bildungsplan 2016 trotz aller theoretischen Anmutung in der oberflächlichen Erscheinung in Wirklichkeit nicht tatsächlich einen Paradigmenwechsel darstellt. Allerdings nicht in dem Sinn, wie seine Protagonisten ihn gerne darstellen. Der Wechsel des Grundsatzes besteht darin, dass die prinzipielle Gleichwertigkeit von praktischer Intelligenz und akademischer Bildung zu Grabe getragen wird. Gesellschaftsbezogen stellt sich damit die Frage nach dem cui bono, dem dahinter stehenden Nutzen für wen. Und damit stellt sich natürlich ebenfalls die Frage, ob das ehrgeizige Projekt dieses angeblichen Paradigmenwechsels nicht letztlich nichts anderes darstellt als einen Rückfall in ein hierarchisch geprägtes Weltbild, in dem der Gedanke eines grenzenlosen Egoismus – hier individualisiertes Lernen genannt – tonangebend ist.

 

Wenn die Schule ein Flugzeug wäre…


Zieldifferentes Arbeiten in den Klassenzimmern, Aufhebung der Verbindlichkeit von schulischen Empfehlungen für die weitere Schullaufbahn, inklusive Förderung von Schülern in Regelschulen aufgrund vom Elternwillen. Diese und noch andere bildungspolitische Vorgaben prägen das Leben in deutschen Schulen seit einigen Jahren. Selten wird danach gefragt, welchen Sinn diese Entscheidungen für die Förderung der betroffenen Schüler haben. Den Autor reizten diese Entwicklungen zu folgender Glosse frei nach Bertolt Brechts Vergleich von Haifischen und Menschen:

 von Walter Korinek

Wenn die Schule ein Flugzeug wäre, dann wäre endlich alles gut! Wenn die Schule ein Flugzeug wäre, dann wäre das Kultusministerium das Management. Der Slogan des Vorstands wäre dann: „Wir können alles, was Sie als Passagier von uns verlangen“. Egal ob dem Einen vor allem ein gutes Essen und erlesene Weine wichtig sind, der anderen ein ruhiger Schlaf, dem nächsten die Erreichung der unterschiedlichsten Ziele dieser Welt, wieder einer anderen eine perfekte medizinische Versorgung – das Management böte allen an, jeden Wunsch zu erfüllen ohne Ansehen der Person.

Wenn die Kultusverwaltung die Geschäftsleitung einer Fluggesellschaft wäre, verspräche sie allen alles und verbreitete den Slogan „Mit uns können Sie alles erreichen, was Sie wollen.“ Der Vorsitzende der Airline selbst und seine Kollegen im Vorstand wären natürlich keine Piloten, hätten in der Regel auch keinerlei fliegerische Erfahrungen. Sie verstünden sich aber selbst als absolut kundenorientiert. Unternehmensberater der unterschiedlichsten Beratungsfirmen wären auf allen Ebenen tätig. Fortbildungen für das fliegende Personal würden zunehmend von externen Beratungsfirmen zur Steigerung der diversen Ziele der Gesellschaft angeboten. Die Verwaltungsebene der Gesellschaft wüchse im Verhältnis zum fliegenden Personal, die administrative Ebene gewänne auch enorm an Wichtigkeit, da alle diese Aufgaben organisiert werden müssen. Strukturfragen der Airline stünden im Mittelpunkt der Aktivitäten.

Wenn die Schule ein Flugzeug wäre, dann könnten als Ergebnis dieser Strukturreformen endlich Passagiere mit den unterschiedlichsten Reisezielen in ein und dasselbe Flugzeug einsteigen – und alles ganz ohne Bordkarte. Sie hätten natürlich die unterschiedlichsten Wunschträume hinsichtlich dessen, was dort angeboten wird – aber alles mit der selbstverständlichen Erwartung, dass diese Anliegen von der Besatzung schnellstmöglich, effektiv und effizient umgesetzt werden.

Die Piloten und die Besatzung eines solchen Flugzeugs wüssten zwar manchmal nicht, wie sie mit diesen unterschiedlichen Erwartungen zurechtkommen sollten. Möglicherweise wären sie vielleicht – nicht immer, manchmal, hier und da – ein wenig desorientiert. Als Gegenmaßnahme böte die Geschäftsleitung die Botschaft an, dass die neue Geschäftspolitik den längst fälligen Paradigmenwechsel abbilden würde, den die Kunden alle erwartet hätten. Gemäß dieser Vision sei es die Mission der Airline, endlich dieses „All-Inclusive- Angebot“ anbieten zu können. Mit einigen Fortbildungen der Besatzungen würde man alles in den Griff bekommen und nun endlich kundenorientiert und voll inklusiv arbeiten. Wenn die Schulen Flugzeuge wären, dann würden allerdings die Maschinen nach kurzer Zeit alle nur noch auf dem Boden bleiben. Die Crews wären vollständig damit beschäftigt, die unterschiedlichen Wünsche der Passagiere zieldifferent zu planen, sich in vielen Fortbildungen von Unternehmensberatern schulen zu lassen und über die verschiedenen Arten zu diskutieren, wie, wohin, mit welchen Ressourcen, warum und wozu das Flugzeug fliegen solle.

Ja, wenn die Schule ein Flugzeug wäre… .

Wenn Du ein Schiff bauen willst, … lehre die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer – und vermittle Bildung.


Ein Kommentar über den Gebrauch von Metaphern bei Bildungsreformen.

 von Walter Korinek

„Wenn Du ein Schiff bauen willst,so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, die Arbeit einzuteilen und Aufgaben zu vergeben, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem endlosen weiten Meer!“ Der bekannte Satz von Antoine de Saint-Exupery ziert Unmengen pädagogischer Literatur unserer Zeit. Allerdings würde sich der Verfasser vermutlich im raschen Tempo rotierend im Grab drehen, wüsste er, in welchen Zusammenhängen die Aussage heute verfälscht wird.

Sehnsucht allein ist kein Allheilmittel

Oft wird Saint-Exupery heutzutage als Kronzeuge dafür missbraucht, dass es keinerlei Bildung, Fähigkeiten oder Fertigkeiten mehr bedürfe, um ein Werk schaffen zu können. Die Sehnsucht nach etwas würde schon ausreichen, um es auch realisieren zu können. Aber reicht das wirklich aus?

Saint-Exupery wollte mit seinem bekannten Satz aufzeigen, wie wichtig das Wollen ist, um in die Tat kommen zu können. In der heute gebräuchlichen Verballhornung des Zitats dagegen zeigt sich das Dilemma der Bildungslandschaft der letzten Jahre seit den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Damals wurde die Grundlegung zu der Meinung gelegt, dass jeder alles lernen könne, wenn er nur wolle und die Lehrer gut genug sind, es dem Lernenden gut beizubringen. Stellt man heute versuchsweise bei Google die Frage, ob jeder alles lernen könne, bekommt man fast nur noch zustimmende Aussagen. Die Tatsachen sprechen leider eine andere Sprache. Gibt es nicht genügend Menschen, die trotz erheblicher Bildungsbemühungen der Schulen extrem wenig Wissen haben, aber dafür umso mehr Meinung. Und gerade die schreien zur Zeit sehr laut: „Wir sind das Volk!“ Ob Ignoranz ein Produkt mangelnder Begabung ist, kann man bezweifeln, aber noch zweifelhafter scheint der grenzenlose Optimismus vieler Bildungsreformer.

Soviel Welt als möglich in die eigene Person zu verwandeln

Diese Aussage von Wilhelm von Humboldt fasst den Begriff der Bildung, wie er seit mehr als 200 Jahren als Grundlage allen schulischen Bemühungen galt. Parallel mit der Abschaffung der Begabung verschwand allerdings auch der Begriff der Bildung aus der pädagogischen Landschaft. Ging man bisher davon aus, dass ein Mensch über einen Grundbestand an Wissen und Kenntnissen verfügen muss, um als mehr oder weniger gebildet zu gelten, geht es heute nur noch um Kompetenzen. Beim Bildungsbegriff geht man davon aus, dass der Mensch in der Lage sein soll, sich ein „Bild“ von der Welt, von einer Sachlage machen zu können, um dann ggf. aufgrund dieses Urteils angemessen handeln zu können. Der Kompetenzbegriff verengt das Lernen auf die Bewältigung konkreter, praktischer Aufgaben. Eigenständige Beurteilung ist nicht mehr gefragt – und damit kommt es natürlich letztlich auch zu einer Nivellierung des Denkens an sich. Es geht nicht mehr darum, möglichst komplexe Niveaustufen denkerischen Handelns zu vermitteln, sondern nur noch darum, die Kompetenz zu haben, ein konkretes Problem – letztlich unabhängig von der geistigen Durchdringung – zu lösen.

Gleichzeitig wurde eine Verlagerung der Verantwortung für das Lernen vom Lernenden auf den Lehrenden vorgenommen. Seit etwa 30 Jahren ist nicht mehr der Schüler verantwortlich, ob er etwas gelernt hat, sondern versagt hat im Zweifelsfall der Lehrer oder die Schule oder das Schulsystem.

Leistung  ist der Quotient aus verrichteter Arbeit und der dazu benötigten Zeit. 

Diese physikalische Definition von Leistung entspricht im Wesentlichen auch dem üblichen Verständnis von Leistung – aber nicht mehr dem in der modernen Pädagogik. Hier geht es vornehmlich um ein mehr oder weniger kreatives Wollen mit relativ undefinierbaren Ergebnissen. Oft ist die rhetorisch gekonnte Präsentation des Wenigen wichtiger als die Substanz. Wenn sich Schüler heute – wie in der baden-württembergischen Gemeinschaftsschule – in Lernateliers nach ihrem eigenen Zeitplan mit Inhalten in unterschiedlichen Niveaustufen gemäß ihrer eigenen Selbsteinschätzung selbstorganisiert beschäftigen, ist von Leistung im herkömmlichen Sinn nicht mehr die Rede. Letztlich wird durch die Negation des Begabungs- und des Bildungsbegriffs auch das Leistungsprinzip überflüssig.

Damit wird allerdings das grundlegende Prinzip einer demokratisch-rechtsstaatlichen Bürgergesellschaft eliminiert. Leistung soll nach unserer Verfassung die Grundlage gesellschaftlichen Erfolgs sein und nicht Herkunft, Einfluss, Geschlecht oder die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen. Heute allerdings scheinen gerade diese Faktoren zu Lasten des Leistungsprinzips immer mehr an Einfluss zu gewinnen. Nicht selten spielt ja auch die rhetorische Begabung die entscheidende Rolle für Erfolg. So genannte Soft-Skills, also emotionale Faktoren, sind auf dem Vormarsch – zumindest im Schulbereich.

Sehnsucht und Bildung sind nötig

Für die Befürworter der  oben skizzierten pädagogischen Entwicklungen ist ein differenziertes Schulsystem überflüssig, ja schädlich. Es beruht ja letzten Endes auf dem humboldtschen Bildungsideal und dem Leistungsprinzip. Wenn es darum nicht mehr geht, ist das Konzept der Einheitsschule und der damit verbundene Paradigmenwechsel der Pädagogik nur folgerichtig. Die neue Schulart wirbt mit Versprechen nach leichter Erreichbarkeit von hohen Bildungsabschlüssen um Schüler und Eltern, ohne dass ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt worden wäre. Das Schlagwort des „individuellen Lernens“ gaukelt vor, dass die Erreichbarkeit von schulischen Qualifikationen möglich ist, indem Schüler nach ihren Neigungen und in ihrem individuellen Lerntempo selbstorganisiert  mit Unterstützung von Lernbegleitern lernen. Die Schule wird mehr und mehr von der Bildungseinrichtung zum Instrument des „Social Engineering“, mit dem ideologische Sichtweisen gesellschaftlich durchgesetzt werden.

Man muss sich  allerdings fragen, ob es zielführend ist, zugunsten eines Experiments mit fraglicher Begründung die fundierten und bewährten Grundlagen des Bildungswesens ohne Not aufzugeben. Vielleicht gibt es zu denken, dass die US-amerikanischen Eliteuniversitäten sich am humboldtschen Bildungsideal ausrichten. Man kann mit Fug und Recht bezweifeln, dass die Medizin nach der in der deutschen Bildungspolitik zurzeit gegriffen wird, ein probates Mittel für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft darstellt. Es ist zweifellos richtig, dass die Sehnsucht nach dem endlosen weiten Meer der Bildung die Grundlage des Lernens darstellt. Ebenso richtig ist allerdings auch, dass dies allein keine Basis für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft darstellt. Geboten ist neben guten Vorsätzen auch die Vermittlung von Bildung als Fundament eines mündigen Bürgers mitsamt einer leistungsorientierten Unterrichtsmethodik.

Sind Mauern oder Windmühlen angebracht?

Kehren wir zum Schluss noch einmal in die blumige Welt der Bilder zurück, die von den Bildungsreformern so gerne benutzt wird: Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen. Wer weiß, vielleicht haben die doch Recht, die sich mit Mauern vor allzu heftigen Stürmen schützen, vielleicht entpuppt sich aber auch der Wind des Wandels als laues Lüftchen, das mehr Bewegung verspricht, als es halten kann.

Krimi aus dem Gesamtschulmilieu – ein doppeltes Lesevergnügen


Rezension

von Walter Korinek


Bernd Franzinger

Schultheater

Ein Fall für Tannenberg. Kriminalroman

GMEINER , 2014
Kartoniert/Broschiert
Gmeiner Original
2014. 310 S.
ISBN/EAN: 9783839215937

schultheaterDer neueste Band von Bernd Franzinger ist ein Lesevergnügen der zweifachen Art. Das Kriminalistenteam um den knorrigen Hauptkommissar Tannenberg aus Kaiserslautern entlarvt nicht nur kriminelle Machenschaften, sondern zugleich auch die hohlen Phrasen, das leere Wortgeklingel und die emotionalisierten Heilsversprechen pädagogischer Reformeiferer. Dabei wirft der Autor, der im Hauptberuf als promovierter Erziehungswissenschaftler ein intimer Kenner der Szene ist, in vielen Szenen in humoriger Weise ein erhellendes Schlaglicht auf scheinheilige Strukturen deutscher Bildungslandschaften. Aber wie gewohnt bleibt für den Liebhaber von Kriminalromanen mit Lokalkolorit die Spannung nicht auf der Strecke und so deckt Hauptkommissar Tannenberg in diesem Roman nebenbei überraschende Zusammenhänge und Verbindungen der Pädagogen und Bildungspolitiker in seiner fiktiven Schullandschaft zur jüngsten deutschen Vergangenheit auf.

Das neueste Buch von Bernd Franzinger fordert von seinen Leserinnen und Lesern aus dem „progressiven“ Bildungsmilieu Toleranz und augenzwinkernde Selbstkritik. Wer sich darauf einlässt, erhält Stunden humorvollen und spannenden Lesevergnügens. Sehr empfehlenswert!