Wenn Du ein Schiff bauen willst, … lehre die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer – und vermittle Bildung.


Ein Kommentar über den Gebrauch von Metaphern bei Bildungsreformen.

 von Walter Korinek

„Wenn Du ein Schiff bauen willst,so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, die Arbeit einzuteilen und Aufgaben zu vergeben, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem endlosen weiten Meer!“ Der bekannte Satz von Antoine de Saint-Exupery ziert Unmengen pädagogischer Literatur unserer Zeit. Allerdings würde sich der Verfasser vermutlich im raschen Tempo rotierend im Grab drehen, wüsste er, in welchen Zusammenhängen die Aussage heute verfälscht wird.

Sehnsucht allein ist kein Allheilmittel

Oft wird Saint-Exupery heutzutage als Kronzeuge dafür missbraucht, dass es keinerlei Bildung, Fähigkeiten oder Fertigkeiten mehr bedürfe, um ein Werk schaffen zu können. Die Sehnsucht nach etwas würde schon ausreichen, um es auch realisieren zu können. Aber reicht das wirklich aus?

Saint-Exupery wollte mit seinem bekannten Satz aufzeigen, wie wichtig das Wollen ist, um in die Tat kommen zu können. In der heute gebräuchlichen Verballhornung des Zitats dagegen zeigt sich das Dilemma der Bildungslandschaft der letzten Jahre seit den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Damals wurde die Grundlegung zu der Meinung gelegt, dass jeder alles lernen könne, wenn er nur wolle und die Lehrer gut genug sind, es dem Lernenden gut beizubringen. Stellt man heute versuchsweise bei Google die Frage, ob jeder alles lernen könne, bekommt man fast nur noch zustimmende Aussagen. Die Tatsachen sprechen leider eine andere Sprache. Gibt es nicht genügend Menschen, die trotz erheblicher Bildungsbemühungen der Schulen extrem wenig Wissen haben, aber dafür umso mehr Meinung. Und gerade die schreien zur Zeit sehr laut: „Wir sind das Volk!“ Ob Ignoranz ein Produkt mangelnder Begabung ist, kann man bezweifeln, aber noch zweifelhafter scheint der grenzenlose Optimismus vieler Bildungsreformer.

Soviel Welt als möglich in die eigene Person zu verwandeln

Diese Aussage von Wilhelm von Humboldt fasst den Begriff der Bildung, wie er seit mehr als 200 Jahren als Grundlage allen schulischen Bemühungen galt. Parallel mit der Abschaffung der Begabung verschwand allerdings auch der Begriff der Bildung aus der pädagogischen Landschaft. Ging man bisher davon aus, dass ein Mensch über einen Grundbestand an Wissen und Kenntnissen verfügen muss, um als mehr oder weniger gebildet zu gelten, geht es heute nur noch um Kompetenzen. Beim Bildungsbegriff geht man davon aus, dass der Mensch in der Lage sein soll, sich ein „Bild“ von der Welt, von einer Sachlage machen zu können, um dann ggf. aufgrund dieses Urteils angemessen handeln zu können. Der Kompetenzbegriff verengt das Lernen auf die Bewältigung konkreter, praktischer Aufgaben. Eigenständige Beurteilung ist nicht mehr gefragt – und damit kommt es natürlich letztlich auch zu einer Nivellierung des Denkens an sich. Es geht nicht mehr darum, möglichst komplexe Niveaustufen denkerischen Handelns zu vermitteln, sondern nur noch darum, die Kompetenz zu haben, ein konkretes Problem – letztlich unabhängig von der geistigen Durchdringung – zu lösen.

Gleichzeitig wurde eine Verlagerung der Verantwortung für das Lernen vom Lernenden auf den Lehrenden vorgenommen. Seit etwa 30 Jahren ist nicht mehr der Schüler verantwortlich, ob er etwas gelernt hat, sondern versagt hat im Zweifelsfall der Lehrer oder die Schule oder das Schulsystem.

Leistung  ist der Quotient aus verrichteter Arbeit und der dazu benötigten Zeit. 

Diese physikalische Definition von Leistung entspricht im Wesentlichen auch dem üblichen Verständnis von Leistung – aber nicht mehr dem in der modernen Pädagogik. Hier geht es vornehmlich um ein mehr oder weniger kreatives Wollen mit relativ undefinierbaren Ergebnissen. Oft ist die rhetorisch gekonnte Präsentation des Wenigen wichtiger als die Substanz. Wenn sich Schüler heute – wie in der baden-württembergischen Gemeinschaftsschule – in Lernateliers nach ihrem eigenen Zeitplan mit Inhalten in unterschiedlichen Niveaustufen gemäß ihrer eigenen Selbsteinschätzung selbstorganisiert beschäftigen, ist von Leistung im herkömmlichen Sinn nicht mehr die Rede. Letztlich wird durch die Negation des Begabungs- und des Bildungsbegriffs auch das Leistungsprinzip überflüssig.

Damit wird allerdings das grundlegende Prinzip einer demokratisch-rechtsstaatlichen Bürgergesellschaft eliminiert. Leistung soll nach unserer Verfassung die Grundlage gesellschaftlichen Erfolgs sein und nicht Herkunft, Einfluss, Geschlecht oder die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen. Heute allerdings scheinen gerade diese Faktoren zu Lasten des Leistungsprinzips immer mehr an Einfluss zu gewinnen. Nicht selten spielt ja auch die rhetorische Begabung die entscheidende Rolle für Erfolg. So genannte Soft-Skills, also emotionale Faktoren, sind auf dem Vormarsch – zumindest im Schulbereich.

Sehnsucht und Bildung sind nötig

Für die Befürworter der  oben skizzierten pädagogischen Entwicklungen ist ein differenziertes Schulsystem überflüssig, ja schädlich. Es beruht ja letzten Endes auf dem humboldtschen Bildungsideal und dem Leistungsprinzip. Wenn es darum nicht mehr geht, ist das Konzept der Einheitsschule und der damit verbundene Paradigmenwechsel der Pädagogik nur folgerichtig. Die neue Schulart wirbt mit Versprechen nach leichter Erreichbarkeit von hohen Bildungsabschlüssen um Schüler und Eltern, ohne dass ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt worden wäre. Das Schlagwort des „individuellen Lernens“ gaukelt vor, dass die Erreichbarkeit von schulischen Qualifikationen möglich ist, indem Schüler nach ihren Neigungen und in ihrem individuellen Lerntempo selbstorganisiert  mit Unterstützung von Lernbegleitern lernen. Die Schule wird mehr und mehr von der Bildungseinrichtung zum Instrument des „Social Engineering“, mit dem ideologische Sichtweisen gesellschaftlich durchgesetzt werden.

Man muss sich  allerdings fragen, ob es zielführend ist, zugunsten eines Experiments mit fraglicher Begründung die fundierten und bewährten Grundlagen des Bildungswesens ohne Not aufzugeben. Vielleicht gibt es zu denken, dass die US-amerikanischen Eliteuniversitäten sich am humboldtschen Bildungsideal ausrichten. Man kann mit Fug und Recht bezweifeln, dass die Medizin nach der in der deutschen Bildungspolitik zurzeit gegriffen wird, ein probates Mittel für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft darstellt. Es ist zweifellos richtig, dass die Sehnsucht nach dem endlosen weiten Meer der Bildung die Grundlage des Lernens darstellt. Ebenso richtig ist allerdings auch, dass dies allein keine Basis für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft darstellt. Geboten ist neben guten Vorsätzen auch die Vermittlung von Bildung als Fundament eines mündigen Bürgers mitsamt einer leistungsorientierten Unterrichtsmethodik.

Sind Mauern oder Windmühlen angebracht?

Kehren wir zum Schluss noch einmal in die blumige Welt der Bilder zurück, die von den Bildungsreformern so gerne benutzt wird: Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen. Wer weiß, vielleicht haben die doch Recht, die sich mit Mauern vor allzu heftigen Stürmen schützen, vielleicht entpuppt sich aber auch der Wind des Wandels als laues Lüftchen, das mehr Bewegung verspricht, als es halten kann.

„Wer an der Jugend spart, wird in der Zukunft verarmen.“ (Adolf Haslinger)


Schulsozialarbeit steht im Fokus der Öffentlichkeit. Oft werden an die an Schulen tätigen Sozialpädagogen hohe Erwartungen gestellt, die oft schon an Heilserwartungen grenzen. Gleichzeitig ist relativ wenig über den realen Aufgabenbereich dieses Berufs bekannt. Das Interview mit Sebastian Heck, soll in pointierter Form einige Schlaglichter auf die Herausforderungen,  Möglichkeiten und das Selbstverständnis eines Schulsozialarbeiters an einer Werkrealschule werfen.

 

Der Schulsozialarbeiter Sebastian Heck spricht über die Herausforderungen in seinem Beruf

Von Walter Korinek

OLYMPUS DIGITAL CAMERAMit welchen Gefühlen gehen Sie ins neue Schuljahr?

Man weiß nie, was auf einen zukommt. Beispielsweise plant man mit den Lehrern, was man mit den einzelnen Klassen und Projekten vorhat. Plötzlich muss man aber stattdessen in einer akuten Krise helfen. Das wirft oft alle Planungen durcheinander.

Haben Sie sich trotz aller Unsicherheiten für das neue Schuljahr konkrete Ziele gesetzt, die Sie als Schulsozialarbeiter erreichen wollen?

Mein oberstes Ziel ist es immer, dass ich mit Aktionen möglichst viele Schüler erreiche. Ich meine, dass alle Schüler Schulsozialarbeit verdient haben.

OK, wie arbeiten Sie in der Praxis Schulsozialarbeiter?
Mir ist es wichtig, für alle Schüler als Ansprechperson da zu sein. Dazu mache ich für die Jugendlichen thematische Angebote. Ein weiterer Schwerpunkt liegt darin, für die Schüler Orte zu schaffen, an denen sie sich wohl fühlen

An welcher Schule arbeiten Sie?

Ich arbeite an der Auwiesenschule Neckartenzlingen, einer Grund- und Werkrealschule in Baden-Württemberg.

Nutzen die Kinder und Jugendlichen das Angebot, einen Ansprechpartner zu haben, oder gibt es Berührungsängste?

Am Anfang meiner Tätigkeit sah ich oftmals  die Bedürftigkeit, aber das Vertrauensverhältnis war noch nicht da. Jetzt fragen viele Schüler, ob ich Zeit hätte, ein Problem zu besprechen oder sie holen sich einen Rat.

Was war Ihr schönstes Erlebnis im letzten Jahr?

Wenn Schüler in das Schülercafe kommen und von sich erzählen. Das ist ein riesiger Vertrauensbeweis.

Und was machte Sie traurig, unzufrieden?

Wenn man spürt, ein Jugendlicher hat eine ganz große Not und man kann nicht helfen.

Mit welchen Problemen haben Sie im Schulalltag am meisten zu tun?

Ein Problemfeld sind die Ressourcen. Ein weiteres Problemfeld die unterschiedlichen  Ansprüche, Sichtweisen und Zielsetzungen von Lehrern und Sozialpädagogen.

Können Sie das noch ein wenig deutlicher machen?

Ich kann gut nachvollziehen, dass für Lehrer die Situation zunächst einmal schwierig ist. Schulsozialarbeit ist vor allem Beziehungsarbeit. Auch für die Beziehung zu den Lehrkräften gilt: Kennen lernen, Beziehungen knüpfen und Vertrauen schaffen.

Wie ist das mit den Eltern?

Unterschiedlich. Ehrlich gesagt, habe ich damit gerechnet, dass mehr Eltern auf mich zukommen.

Nun eine Frage zu ihrem professionellen Umgang mit Problemen. Wie behält ein Schulsozialarbeiter die kritische Distanz zu den persönlichen Problemen, mit denen er konfrontiert wird?

In der konkreten Situation muss ich darauf achten, die Gefühle meines Gegenübers nicht als meine eigenen zu übernehmen.

Wann geben Sie auf?

Ich kann nur Hilfe anbieten. Wenn jemand keine Hilfe oder Unterstützung will, dann kann ich nichts tun, als weitere Angebote zu machen.

Eine persönliche Frage: Sind Sie mit Ihrer Bezahlung zufrieden?
Wenn ich hätte reich werden wollen, hätte ich etwas anderes studiert.

Warum arbeiten Sie trotzdem in diesem Job?

Weil Geld nicht alles ist. Ich möchte in meiner Arbeit etwas Sinnvolles machen.

Gibt es noch etwas, was Ihnen sehr wichtig wäre?

Schulsozialarbeit darf nicht nur als Feuerwehr eingesetzt werden. Jeder Jugendliche hat Angebote für seine Persönlichkeitsentwicklung verdient – und das kostet natürlich Geld.

 

(Das Interview wurde am 26.9.2014 in der Auwiesenschule Neckarztenzlingen geführt)